Wie ist der Zustand des Klaviers?

Substanzteile eines Klaviers Flügel Wertgutachten

Es gibt im Wesentlichen drei Elemente bei einem Klavier, die Akustische Anlage (Gussrahmen, Resonanzboden, Besaitung inkl. Stimmwirbel, Stimmstock), das Spielwerk bzw. die Mechanik und die Klaviatur sowie den Korpus. Für die Zustandbetrachtung sind im Sinne der Spielbarkeit und des Klangs nur die Akustische Anlage sowie das Spielwerk und die Klaviatur relevant. Bei der Gesamtbetrachtung des Zeitwertes des Klaviers sowie etwaiger Restaurationskosten kommt zusätzlich der Zustand des Korpus in Betracht.

Klaviermechanik Oberdämpfung Unterdämpfung

Die Oberdämfungsmechanik oder Unterdämpfungsmechanik beim Klavier

Grundsätzlich wurden nach ca. 1900 vorwiegend Unterdämpfermechaniken gebaut, da diese im Anschlag und Dämpfungsverhalten besser sind. Nach meiner Erfahrung sind Ibach und Blüthner Oberdämpfer Klaviere aus der Zeit bis 1920 jedoch auch sehr gut zu spielen, da diese eine eigens patentierte Weiterentwicklung der Oberdämpfung hatten. Übrigens – es gab die Unterdämpfung zum Beispiel bei Erard und Pleyel schon um 1850 – danach wurde in Deutschland die Oberdämpfung favorisiert, um später bei inzwischen bessere verfügbaren Mechanikteilen (vor allem Federstahl) erneut von der Unterdämpfung abgelöst zu werden, die bis heute gebaut wird.

Klaviermechanik Photos

Mechanik mit Oberdämpfung Mechanik mit Unterdämpfung

Wiener Mechanik ud Prellmechanik oder Repetition

Die Prellmechanik, Wiener Mechanik oder Doppelrepetitionsmechanik beim Flügel

Auch beim Flügel gab es wie beim Klavier verschiedenen Mechanikformen, die wiederum von verschiedenen Herstellern unterschiedlich realisiert wurden. Grob unterschieden werden kann zwischen der frühen Prell-/Stoßmechanik (u.a. auch die so genannte „Wiener Mechanik“), die keine schnelle Repetition zuließ und bei der Wiener Mechanik eine aufwendigere Dämpfungsart hatte sowie der späteren Doppelrepetitionsmechanik (so genannte „Englische Mechanik“). Bei der bis heute gebauten Doppelrepetitionsmechanik wird das Hebeglied über eine Pilote (Verbindung zwischen Tastenende und Mechanik) bewegt. Manche Hersteller haben die Verbindung zwischen Taste und Hebeglied auch fest verbunden, was eine höhere Präzision erlaubt – aber aufwendiger in der Renovierung und Einstellung ist. Wenngleich natürlich auch ein renoviertes Instrument mit Prellmechanik schön zu spielen ist, würde ich für zeitgemäßes Spiel immer die moderne Mechanikform empfehlen. Eine erwähnenswerte Ausnahme bildet die Blüthner Patentmechanik, die im guten Zustand ein sehr feines Spiel zulässt und auch wunderbar für hohe Ansprüche repetiert.

Bilder einer Flügelmechanik

Schwander Prellmechanik Renner Doppelrepetitionsmechanik Blüthner Patentmechanik

Zustand der Mechanik Klavierhämmer

Wie ist der Zustand der Mechanik?

Als die Verbindung zwischen Klavierspieler und Akustischer Anlage kommt der Klaviatur und dem Spielwerk eine große Bedeutung zu. Wichtige Fragen bezüglich der Mechanik bzw. dem Spielwerk sind:Beim Klavier - Ist es eine Oberdämpfer- oder Unterdämpfermechanik?

- Beim Flügel – Ist es eine Prell-/Wiener Mechanik oder Doppelrepetitionsmechanik?

- Ist es eine Marken-Mechanik (Schwander, Renner, Keller, Langer, Flemming, etc.)?

- die Mechanik im Originalzustand oder wurden bereits Überarbeitungen vorgenommen?

- Ist die Mechanik ausgespielt und/oder waren Schädlinge am Werk?

Bei älteren und viel bespielten Instrumenten sind die Hämmerfilze mitunter stark abgespielt und haben tiefe Rillen oder sogar komplett die ursprüngliche Hammerform verloren (siehe Beispielphoto) und erzeugen keinen schönen Klang mehr. In solchen Fällen ist eine Überholung der Mechanik erforderlich. Ist die Mechanik reguliert oder ist der Anschlagspunkt und die Tastenlage sehr unterschiedlich? Ganz wichtig: Sind die Achsen ausgespielt - das erkennen Sie leicht daran wenn Sie (vorsichtig) mit einem Finger von links nach rechts über die Holzenden der Hämmer streichen und diese sich leicht aus Ihrer Position quer bewegen lassen. Ausgespielte Achsen sind sehr nachteilig für den Anschlag und können zu Nebengeräuschen führen. Alle diese Dinge können natürlich durch einen Klavierbauer repariert werden - aber man muss mit Kosten von mind. 1000-1500€ für eine einfache Mechaniküberholung rechen.

Klaviertastatur, Elfenbein und Elfenit, Klaviatur

Wie sieht die Klaviatur und Tastatur aus?

Ist der Tastaturbelag aus vollständig originalem Elfenbein* (wurde vorwiegend bis 1910 verarbeitet) oder bereits stark verfärbt oder abgespielt? Wurde ein früher Kunststoff wie Elfenit, Argolit oder Clavoid (alles Markennamen damaliger Hersteller) verwendet der zumeist ausgetrocknet ist und Risse oder Ablösungen und starke Verfärbungen (siehe Beispielphoto) zeigt? Solche Tastaturen lassen sich kaum reinigen und müssen zumeist mit viel Stundeneinsatz neue Beläge erhalten. Ist es eine moderne Kunststofftastatur die ziemlich unverwüstbar ist? Wie liegen die Tasten? Wenn Sie aus Tastaturhöhe schauen, sollten alle Tasten in gleicher Linie und Höhe sein. Ebenso sollten die Tasten nur wenig seitliches Spiel aufweisen. Wenn die Klaviatur zu ausgespielt ist -wie oft bei bei älteren und viel gespielten Instrumenten zumeist im Mitteltonbereich- müssen Sie mit nachteiligen Effekten im Anschlag rechnen. Ist eine Klaviatur zu ausgespielt, muss sie neu befilzt (garniert) und einreguliert werden. Die Neubelegung einer Klaviatur mit modernem Kunststoff kostet ca. 500Euro. Die komplette Renovierung einer Klaviatur verursacht Kosten im Bereich von 1000-1500Euro.

*Hierzu vielleicht ein Exkurs: Nur Wenigen ist bekannt, dass in der Blütezeit des Klavierbaus um 1900 jährlich schätzungsweise über 50.000 Elefanten wegen des Elfenbeins für Klavier- und Flügeltastaturen erlegt wurden. Dies wurde in den 1910er Jahren in Europa zumindest verboten, dann tauchte das künstliche Elfenit erstmals auf. In den letzten Jahren wurde der Handel mit Elfenbein noch weiter eingeschränkt, so dass auch Elfenbein in verarbeiteter Form unter bestimmten Bedingungen darunter fällt. Ebenso variieren die Einfuhrbedingungen bestimmter Länder, so dass man hier darauf achten sollte, bevor man daran denkt, ein Klavier im Rahmen eines Umzuges mit in Ausland zu exportieren. Zum Thema Elefanten und Elfenbein auf Klaviaturen namhafter Hersteller hat ein Künstler in den USA ein sehr schönes aber auch sehr nachdenklich stimmendes Kunstwerk geschaffen. Dieses Bild als signierten Druck erhalten Sie bei mir.

Elfenbein für Klaviertasten

*Hierzu vielleicht ein Exkurs: Nur wenigen ist bekannt, dass in der Blütezeit des Klavierbaus um 1900 jährlich schätzungsweise über 50.000 Elefanten wegen des Elfenbeins für Klavier- und Flügeltastaturen erlegt wurden. Dies wurde in den 1910er Jahren in Europa zumindest verboten, dann tauchte das künstliche Elfenit erstmals auf. In den letzten Jahren wurde der Handel mit Elfenbein noch weiter eingeschränkt, so dass auch Elfenbein in verarbeiteter Form unter bestimmten Bedingungen darunter fällt. Ebenso variieren die Einfuhrbedingungen bestimmter Länder, so dass man hier darauf achten sollte, bevor man daran denkt, ein Klavier im Rahmen eines Umzuges mit in Ausland zu exportieren. Zum Thema Elefanten und Elfenbein auf Klaviaturen namhafter Hersteller hat ein Künstler in den USA ein sehr schönes aber auch sehr nachdenklich stimmendes Kunstwerk geschaffen. Dieses Bild als signierten Druck erhalten Sie bei mir.

Risse im Resonanzboden

Hat der Resonanzboden Risse?

Lassen Sie sich, insbesondere bei älteren Instrumenten, versichern, dass der Resonanzboden keine Risse hat. Risse führen dazu, dass die herstellerseitig vorgesehene Wölbung des Resonanzbodens und damit der Stegdruck nachlässt oder verschwindet. Das Klangvolumen und die Klangreinheit verringert sich und es kann zu Geräuschen (Klirren, dumpfe Saiten etc.) kommen. Ältere Klaviere haben oft Risse im Resonanzboden und können trotzdem noch sehr schön klingen und gespielt werden. Jedoch muss man dies im Zeitwert des Instrumentes berücksichtigen. Durchrisse (man kann dann wirklich durch den Riss hindurchschauen) sind generell kritischer als sogenannte Haarrisse (verlaufen in der Maserung des Holzes und sind nicht durchgehend). Risse unter den Stegen sind grundsätzlich kritischer zu bewerten.

Risse in den Klavierstegen oder im Basssteg

Haben die Stege Risse?

Auch Risse in den Stegen sind sehr kritische Schäden, vor allem quer-verlaufende Risse im Basssteg im Bereich der Stegnägel , da das Klavier dann meistens nicht mehr stimmbar ist und Nebengeräusche erzeugt. Auch an den hinter der Mechanik versteckten Stellen sollte man die Stege anschauen, da vor allem im Übergang vom Diskant an den Steg-Enden Risse auftreten.

Klavier und Flügel Agraffen

Darüber hinaus gibt es viele weitere kritische Stellen im Klavier an denen Risse oder ähnliche Defekte dramatische Auswirkungen auf Stimmbarkeit und Klang -und damit den Wert- haben. Hier ein Beispiel für herausgerissene Agraffen bei einem sonst hochwertigen Ibach Klavier.

Motten Holzwurm oder Mäuse im Klavier oder Flügel

Waren oder sind Schädlinge im Klavier?

Im Wesentlichen sind drei Arten von Schädlingsbefall für ein Klavier kritisch, der Holzwurm, die Motte und Mäuse. Wenngleich früher sicher häufiger noch diese Schädlinge auftraten, so sind auch heute in den besten und gepflegtesten Haushalten unbemerkt of diese Schädlinge im Instrument. Grundsätzlich gilt - ein unbespieltes Klavier wird eher von Motten und Mäusen aufgesucht als ein bespieltes.

Holzwurmbefall im Klavier oder Flügel

Hier ein Beispiel für das drastische Ausmaß von Holzwurmbefall - in diesem Falle sogar an der sonst eher verschonten Raste des Klaviers. In diesem Zustand wir ein Klavier kaum noch mit vertretbarem Aufwand wieder herzurichten sein. Bitte achten Sie also beim Kauf auch immer auf den Zustand des Holz-Korpus - hier können durch Holzwürmer schwere Substanzschäden verborgen sein. Wenn Sie an irgendeiner Stelle Holzwurmspuren entdecken, untersuchen Sie das Instrument bitte besonders gründlich, da sich die Holzwümer dann meistens an weiteren Stellen vor allem den Weichhölzern gewidmet haben. Ob der Wurm noch aktiv ist, läßt sich nicht immer nur an frischem Bohrstaub ausmachen. In jedem Fall muss so ein Instrument in seiner Statik bewertet werden, ggf. zu schadhaftes Holz erneuert - und insgesamt das Instrument gegen Holzwurm geschützt werden.

Maus und Mäusenest im Klavier oder Flügel

Da die Filze an Hämmern, Dämpfern und Filzleisten etc. aus Naturhaar gemacht sind - und ein Klavier manchmal (leider) unbespielt dasteht, bevorzugen Mäuse dieses Refugium. Hier ein übles Beispiel sowohl für das Instrument als auch für den Besitzer - ein Mäusenest mit zwei verendeten Tieren darin. Zuvor haben die Tiere aber noch erhebliche Schäden an Mechanikfilzen, Tastatur- und Tastaturbodenhölzern hinterlassen. Auch der Mäuseurin richtet im empfindlichen Instrument großen Schaden an. Es lohnt daher also -wenn keine eifrige Katze im Haus ist- andere geeignete Maßnahmen gegen die Nager zur Werterhaltung des Instrumentes zu ergreifen.

Mottenbefall und Mottenfraß im Klavier oder Flügel

Die dritte Plage sind Motten. Auch diese Tiere lieben die Filze und nisten sich oft unbemerkt im Klavier ein. Auch hier sind unbespielte Klaviere eher in Gefahr. Oft werden Motten mit alten Teppichen oder Kleidungsstücken eingeschleppt. Oder eben auch mit dem Klavier. Achten Sie also beim Kauf sehr genau auf die Mechanik - meistens sieht man die Mottenspuren und Verpuppungsreste schon an den Hämmern - manchmal aber auch erst nach Auseinanderbau des Instrumentes an versteckteren Stellen.

Mottenpulver oder Mottenschutz für das Klavier

Nicht selten findet man in alten Klavieren diese Mottensäcke, Lavendel oder Ähnliches. Wenn das Klavier potentiell von Motten bedroht ist, sollte man handelsübliche Mittel geeignet zur Vorbeugung einsetzen. Ein von Motten befallenes Klavier kann nur vom Klavierbauer aufwendig wieder instand gesetzt werden. Hierbei müssen in der Regel alle Filze erneuert werden.

Daher noch einmal meine Empfehlung: Es lohnt sich definitiv auf dem Gebrauchtmarkt nach Klavieren zu schauen - aber nehmen Sie im Zweifelsfall besser immer einen Fachmann mit bzw. lassen Sie sich über Distanz immer Photos schicken und bestimmte Fragen beantworten. Gern unterstütze ich Sie auch in Absprache bei der Suche. Melden Sie sich dazu gern bei mir.

Klavierstimmung Klavier stimmen Flügel stimmen

Wie verhält es sich mit der Stimmung?

Ein wichtiger Punkt aus Kostensicht (da Sie statt einer Stimmung pro Jahr dann ggf. 2-3 haben werden) aber auch wenn es darum geht ein Instrument für den Klavierunterricht und / oder das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten zu ermöglichen. Erkundigen Sie sich wann das Instrument zuletzt gestimmt wurde, wie regelmäßig es gestimmt wurde und in welcher Tonhöhe. Der Klavierstimmer hat sicher auch Aussagen zur Stimmhaltung getroffen nach denen Sie sich erkundigen sollten. Lassen Sie sich bestätigen dass der Stimmstock keine Risse hat. Hierbei muss man unterscheiden zwischen sichtbaren Rissen im oft vorhandenen Deckholz und manchmal nicht oberflächlich sichtbaren Rissen im eigentlichen Stimmstock.

Risse im Stimmstock eines Klaviers oder Flügel

Hier ein Beispiel für einen gut sichtbaren und durchgängigen Riss im Bassbereich eines Stimmstocks. Die Stimmnägel haben keinen festen Sitz mehr und können die Saitenspannung nicht halten. Im solchen Fällen ist eine Stimmung ohne umfangreiche Reparaturen nicht möglich. Die Erneuerung des Stimmstocks ist grundsätzlich immer möglich - jedoch verbunden mit größeren Investitionen. Weitere Details zur Stimmung finden Sie weiter unten.

Risse im Gusseisenrahmen eines Klavier oder Flügel

Noch kritischer ist ein Riss im Gusseisenrahmen zu bewerten. Wenngleich Spannungsrisse bei älteren Instrumenten nicht selten schon bei der Montage auftraten, sollte der Gusseisenrahmen, der eine wichtige Rolle für die Statik des Instrumentes bildet, frei von Beschädigungen sein. Hier ein Beispiel für einen Riss im Gusseisenrahmen eines Klaviers aus der Zeit um 1930. Oft entstehen diese Risse an den Schwachpunkten der Gusseisenrahmen an Übergängen oder Ecken. Potentielle Ursachen für solche Risse können unsachgemäße Transporte, falsches Vorgehen bei der Stimmung oder auch Materialschwächen sein. Schauen Sie sich daher ein Klavier immer genau an und achten dabei insbesondere auf den Zustand des Rahmens. Reparaturen sind möglich, jedoch sehr aufwendig.

Klaviere und Flügel aus Asien und Osteuropa

Wie steht es mit Klavieren aus dem z.B. asiatischen Raum?

Klaviere aus dem asiatischen oder osteuropäischen Bereich sind nicht notwendigerweise schlechter als namhafte Deutsche Instrumente - es gibt auch dort sehr gute, gute aber leider auch viele weniger gute Instrumente. Weniger gute bis sogar schlechte Instrumente gibt es aber auch in anderen Teieln Europas oder aus Amerika. Bei Klavieren die aus eher tropischen Ländern stammen und nicht direkt aus dem Werk importiert wurden, muss man ggf. die deutlichen Luftfeuchtigkeits-unterschiede und eventuelle Auswirkungen auf Substanzteile berücksichtigen. Sie werden sehr viele Klaviere vor allem aus den späten 1960er bis 1980er Jahren mit Deutschen oder Europäischen Namen finden, die trotzdem aus dem asiatischen Raum stammen und nichts mehr mit der Ursprungsqualität des damaligen Herstellers zu tun haben müssen. Im Zweifelsfall ziehen Sie einen Experten vor dem Kauf hinzu.